Bloggerprojekt: Wir sind St. Pauli! Nur was sind wir?

Wir sind St.Pauli! Nur was sind wir?

Die zweiwöchige Spielpause muss ja irgendwie überbrückt werden und da es zum Geschehen auf dem grünen Rasen für einige Tage nichts zu schreiben gibt, wird kurzerhand mal so Bloggerprojekt ins Leben gerufen! Ich persönlich find es ´ne sehr schöne Sache, weil ich mir in ruhigen Minuten immer wieder mal überlege, was genau St.Pauli für mich bedeutet und was wäre, wenn das irgendwann mal wegfallen würde bzw. ich darauf verzichten müsste.

Falls Leser meines Blogs die genaue Ausgangslage dieses Projekts nicht auf dem Schirm haben, hier nochmal die wichtigsten Infos:

“St. Pauli ist eine der innovativsten Fanszenen der Welt. Der einzigartige Ruf des Vereines und seiner Anhänger ist in den 80er und 90er Jahren aus dem Nichts geschaffen worden und von der Fanszene begründet worden. St. Pauli war damals Vorreiter und Vorbild vieler neuer Entwicklungen in Deutschland und in der Welt. Und heute? Wie ist eigentlich der Stand?

Kritik an einzelnen Verhaltensweisen in konstruktive Ideen umwandeln, Begeisterung schaffen, Diskussionen zu führen, dies sind die Ziele. Wie ist der Status Quo? Wo wollen wir hin? Was ist Toleranz? Was ist die Grundlinie?”

Ich muss zugeben, dass der FC St.Pauli jahrelang nicht meine erste Fussballadresse gewesen ist! Wenn man zwischen Weserbergland und Ruhrgebiet aufwächst, dann gibt es eigentlich nur 3 1/2 Fussballmannschaften mit denen man im großen Rahmen konfrontiert wird. Bayern München, FC Schalke 04, Borussia Dortmund und als halbe Portion Arminia Bielefeld! Als Steppke interessiert man sich natürlich nicht für einen Verein, der größtenteils in der zweiten Liga rumeiert und seine größten Erfolge weit vor meiner Zeit gefeiert hat, also fiel Arminia Bielefeld schonmal komplett raus! Blieben die Bayern, Dortmund und Schalke! Vorbelastet durch meine Familie fiel die Wahl letztendlich auf Schalke 04. Als mein Opa mir 1988 von einem Besuch im Gelsenkirchener Parkstadion ein Original-Trikot von Peter Sendscheid mitbrachte (das geile weiße Adidas-Trikot mit RH-Alurad-Beflockung und der Rückennummer 9, worüber ich mich heute immer noch volles Mett in den Arsch beißen kann, dass ich dieses Teilchen mal meinem “Fussballaustauschschüler” aus den USA geschenkt habe …) war klar für wen das Herz schlägt! Das tut es heute immer noch, aber nicht mehr so intensiv, dafür hat sich “Auf Schalke” einfach zuviel verändert – größtenteils leider ins Negative! Zwischen 1995 und 2004 war das Parkstadion mein zweites Zuhause! Ich weiß nicht, wieviele Spiele ich in dieser Zeit besucht habe und wieviel Kohle ich den Knappen in den Rachen geworfen hab. Aber genau diese Zeit damals war für mich absolut prägend! Wäre der Verein nicht in diese beschissene Turnhalle umgezogen und hätte das Prädikat “Arbeiterverein” nicht so leichtfertig verschenkt, wahrscheinlich würde ich heute immer noch in der Nordkurve stehen. Mit dem Umzug in die Arena war diese Liebe zum Verein dann auch relativ schnell erloschen – ungefähr so, als wenn Du ´nen Mädel mit Kapuzenpullover und VANS kennenlernst und diese Person, dann einige Jahre später auf einmal mit Kostümchen und Stöckelschuhen vor dir steht – geht einfach nicht! Über Schalke bin ich dann auch quasi zum ersten Mal mit St.Pauli in Verbindung gekommen. Und zwar in der Bundesliga-Saison 1996/1997. Mein erster Besuch am Millerntor. Das legendäre 4:4.

Die Atmosphäre an diesem Freitag Abend am Millerntor war absolut beeindruckend. Ab diesem Zeitpunkt habe ich angefangen mich doch intensiver mit diesem Verein zu beschäftigen, obwohl die Prioritäten damals natürlich noch zu 100% bei Schalke 04 lagen. In den darauffolgenden Jahren habe ich immer wieder Auswärtsspiele von St.Pauli – gerade im westlichen Teil von Deutschland – besucht. Damals war es in der Tat (Asche auf mein Haupt …) die “Pauli-Paadie”, die mir so gut gefallen hat. Es war einfach eine andere Art und Weise Fussball zu genießen – entspannter, lockerer, nicht so verbissen und auch dieses absolute Klischee des Punks neben dem Rechtsanwalt hat mich beeindruckt! Langsam wurden auch so die ersten flüchtigen Kontakte zu Leuten aus dem Ruhrgebiet bzw. Rheinland geknüpft und so ergab sich dann auch mal die Möglichkeit zumindest 1x im Jahr gemeinsam ans Millerntor zu fahren.

Am 26.05.2000 durfte ich mein erstes Spiel von der Gegengerade aus verfolgen und bei den meisten dürfte sich dieses Datum ins Gedächnis gebrannt haben! Das 1:1 gegen Rot-Weiss-Oberhausen – dem Abstieg in die Drittklassigkeit in allerletzter Sekunde von der Schüppe gesprungen! Bis zu diesem Tag habe ich ein einziges Mal vor Freude und Glückseligkeit im Stadion geheult und zwar als Marc Wilmots im UEFA-Cup-Finale in Mailand den entscheidenen Elfer im Tor versenkte, aber was sich nachdem Tor von Marin im Stadion abspielte, steht dieser Mailand-Story in nichts nach. Völlig überwältigt lagen mir aufeinmal mehrere Personen – in Tränen aufgelöst im Arm – und konnten ihr Glück kaum fassen!

In den darauffolgenden Jahren habe ich mich immer mehr von Schalke 04 zurückgezogen. Ich fing an viele Dinge zu hinterfragen und merkte, dass es mir unheimlich schwer fiel mich weiterhin für das Umfeld zu begeistern. Alles das, was mir an St.Pauli so gut gefiel, fehlte dort einfach! Mir fiel auf das Fussball nicht einfach nur Fussball ist, sondern auch noch viel mehr dahinter steckt! Ich kann nicht in einem Stadion neben jemanden stehen (der die Farben meines Vereins trägt), aber gleichzeitig unentschuldbare Klopper wie “Du Scheiss N****” oder andere Kacke von sich gibt!

Fortan hatten für mich die Spiele von St.Pauli absolute Priorität und Schalke live gab es nur noch dann, wenn es die Zeit irgendwie zuließ. Absolut unvergessen das 2:1 gegen FC Bayern, die Sonderzugfahrt nach Burghausen, die Mottofahrt zum Tag der Europawahlen? nach Uerdingen oder das 6:3 in Ahlen.

Seit etwas mehr als 2 Jahren wohne ich nun in Hamburg und St.Pauli ist zu einem ganz großen Bestandteil meines Lebens geworden. Wenn man hier wohnt und jeden Tag damit konfrontiert wird, dann bekommt diese Leidenschaft eine ganz andere Dynamik. Gewisse Werte und Prinzipien, die für den Verein und seine Fanszene sprechen, sind ständiger Wegbegleiter. Dieses Gefühl, dass eine große Anzahl an Menschen um dich herum genauso denkt, genauso fühlt und nicht mit Scheuklappen durch die Gegend spaziert, ist meiner Meinung nach wirklich einzigartig und ganz besonders!

St.Pauli ist für mich nicht einfach nur Fussball. Ich habe durch St.Pauli unheimlich viele nette Menschen kennengelernt von denen ich heute (nach gerade mal 2 Jahren Hamburg) sagen würde – mit denen könnt ich alt werden! Menschen, den man vertrauen und auf die man sich verlassen kann und dazu gehört selbstverständlich auch meine Freundin. Ohne St.Pauli gäbe es sie nämlich auch nicht. Hätte St.Pauli vor 3 Jahren am Karnevalsfreitag nicht in Köln gekickt, dann wären wir uns wohl nie übern Weg gelaufen.

St.Pauli bedeutet für mich Hilfsbereitschaft und Zusammenhalt! Spontan fällt mir bsp. die Spendenaktion nachdem schweren Sturz von Mimi in Aachen ein. Mit was für einer Selbstverständlichkeit und Entschlossenheit dem Jung geholfen wurde, dass ist für mich St.Pauli.

St.Pauli bedeutet eine Art von Protest und Widerstand. Hier wird nicht einfach alles nur abgenickt und hingenommen so nachdem Motto “Wir können doch eh nichts daran ändern”. Die Leute sind bereit den Mund aufzumachen und sich zu wehren anstatt sich zu ergeben. Das beste Beispiel (zumindest in Bezug auf Fussball) ist die “Bring Back Sankt Pauli” Aktion vor einigen Wochen. Welche Fanszene schafft es innerhalb von einer Woche ein komplettes Stadion in eine andere Farbe umzuwandeln und ihren Unmut und Ärger gegen gewisse fragwürdige Vermarktungsstrategien unseres Clubs kundzutun. Leider ist der Jolly Rouge in den letzten Wochen etwas verblasst, aber ich hoffe das ER in naher Zukunft wieder ordentlich an Farbe gewinnt!

St.Pauli bedeutet GEMEINSAM gegen Rassismus, Faschismus und Sexismus anzukämpfen. Hohle Parolen, sprachliche Entgleisungen und miese Kleidung werden nicht geduldet und mit aller Entschlossenheit aus dem Stadion verwiesen.

St.Pauli bedeutet Faszination, Leidenschaft, Liebe, Hingabe und eine große Portion Selbstreflexion.

Für die Zukunft wünsche ich mir einfach, dass wir auch weiterhin die o.g. Werte und Prinzipien unseres Fan-Daseins ins Stadion und selbstverständlich auch nach außerhalb tragen. Ich hoffe, dass sich jeder – der die Farben unseres Vereins trägt – auch genau dessen bewußt ist! Dieses gilt auch für unsere Vereinsführung …

Ich will keine fehlplatzierten Werbebanner, keine Buisness-Seats in unüberschaubarer Größenordnung, keine Leuchtreklame, keinen Stangenlambada und auch keine provozierenden und fehlplatzierten Gästefans im Bereich der Südkurve.

Ich wünsche mir mehr Entspanntheit untereinander! Gerade in der letzten Zeit nervt mich dieses ganze USP-Bashing. Ich bin auch kein Freund von großem Ultra-Gehabe und Rumgepose, bin aber der Meinung das auf jeden Fall ein Weg gefunden werden muss, damit wir ALLE an einem Strang ziehen und gemeinsam unserer Leidenschaft nachkommen können. Ich denke, da sind alle gefordert …

Und ein kleiner Gruß Richtung Mannschaft: Ich möchte verdammt nochmal ein einziges Mal mit dem FC St.Pauli zu einem europäischen Pflichtspiel ins Ausland reisen – ganz egal wohin, hauptsache international und live dabei sein, wenn Timo Schultz im Berliner Olympiastadion den DFB-Pokal im Mittelkreis küsst und Fabian Boll in der 95min. einen unberechtigten Foulelfmeter zum ersten Derbysieg am Millerntor gegen den H$V versenkt.

Ansonsten, bin ich mit dir – FC ST. Pauli – sehr zufrieden !!!

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2 Antworten auf Bloggerprojekt: Wir sind St. Pauli! Nur was sind wir?

  1. kleinertod sagt:

    Ein sehr persönlicher und ausführlicher Einstieg, der gleichwohl das Thema nicht verfehlt – denn nicht anders als durch einen individuellen Eindruck kann man als Einzelperson die Fanszene begreifen. Gemeinsamkeit können wir gut gebrauchen, davon gab es trotz Jolly in meinen Augen eine Spur zu wenig – denn sonst würde es wohl weder das USP-Bashing noch die immer deutlicheren Abgrenzungen der einzelnen Tribünen untereinander geben. Provozierende und deplazierte Gästefans stören auch nicht nur auf der Süd, sondern auf allen anderen Tribünen außerhalb des Gästeblockes – das Problem will ich jedenfalls keinem FCSP-Fan auf einer anderen Tribüne als meiner aufhalsen. Das mit dem Gästeproblem im Heimbereich hatte ich bei mir auch schon mal angesprochen, sehe aber angesichts der Kartensituation keine wirkliche Lösung – hier würde wohl nur ein erheblich größeres Millerntor helfen (dann könnten wir störende Gäste in einen freigehaltenen Block neben dem Gästeblock umquartieren)…

  2. Pingback: Richtungsweisend – die Fanszene oder die Vereinsführung des FC St. Pauli? « KleinerTods FC St. Pauli Blog

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